Gegenwärtige ökologische Krisen stellen Städte wie Berlin unter Druck, Stadtnatur auf den Klimawandel vorzubereiten und ökologische Pflege zu etablieren. Mit dem „Urban Nature Pact“ positioniert sich Berlin 2025 als Knotenpunkt der internationalen Debatte. In der „Berliner Strategie zur Biologischen Vielfalt 2030+“ und im „BaumEntscheid“ werden von Politiker:innen und Aktivist:innen Anforderungen an die Grünflächenpflege gestellt, wie etwa die Pflanzung von mehreren hunderttausenden Bäumen bis 2040.
Meine Forschungsfragen lauten: Wie verändern sich die städtische Vegetation und ihre Pflege? Was sind Diskrepanzen zwischen Anforderungen und tatsächlich möglichen Veränderungen? Inwieweit ist oder sollte ein Nachlassen in der Pflegeintensität im Kontext ökologischer Pflege Teil der Veränderung sein?
Dafür untersuche ich, wie Ordnungen von Natur und Kultur in der Pflege aufrecht erhalten werden und wie diese durch Vernachlässigung destabilisiert werden. Vernachlässigung kann jedoch auch die Bedingung der Möglichkeit eigenständiger Anpassung von Stadtnatur an eine sich verändernde Umgebung im Klimawandel sein. Mein Vorhaben widmet sich dieser Ambiguität.
In meiner Promotion erforsche ich ethnographisch vergleichend drei Fälle behördlicher, wissenschaftlich informierter und aktivistischer Pflegepraxis: 1. Pflegepraktiken der Grünflächenämter und der Berliner Stadtreinigung, die traditionelle Logiken der Pflege umdenken müssen. 2. Pflegepraktiken, die in Zusammenarbeit mit botanischen Gärten entwickelt wurden und durch das ehrenamtliche Projekt „Urbanität und Vielfalt“ auf bestimmte ¹ó±ô䳦³ó±ð²Ô in der Stadt übertragen werden. 3. Praktiken der Pflege und des Gärtnerns von Aktivist:innen in der Floating University in dem vernachlässigten Regenrückhaltebecken eines ehemaligen Flughafens, die im Kontrast zu behördlichen Pflegepraxis steht.
Mein Forschungsvorhaben nutzt das Konzept des Apparates aus dem neuen Materialismus von Karen Barad (2007). Diese materiell-diskursive Apparate (re)konfigurieren Wirkungs- und Handlungsmacht (agency). Ich möchte prüfen, ob die Praktiken in meinen Fallstudien als solche Apparate verstanden werden können. In meiner Promotion setze ich die agential cuts in Verbindung mit dem Konzept der „Reinigungsarbeit“ von Bruno Latour (1994). Reinigungsarbeit umfasst Bemühungen um „eine Reduktion auf ‚Natur‘ einerseits und auf ‚Kultur‘ andererseits“ (Schüttpelz 2013). Ich verstehe auf diese Weise die Bemühungen gegen Überwuchern und die Störung städtischer Infrastruktur. Bei Barad und Latour spielt Widerständigkeit gegen die Trennung in besagten Praktiken eine entscheidende Rolle. Agential cuts seien nicht deterministisch, sie rekonfigurieren agency in unvorhergesehener Weise. Latour schreibt, dass die Reinigungsarbeit zugleich hybridisiere, d.h. aktive natur/kulturelle Verbindungen herstelle. Mit dem Komplex von Reinigung und Hybridität präzisiere ich mein Forschungsvorhaben.